Spender für Sebastian gefundenVon unserem Redaktionsmitglied Dirk Rosenberger Bensheim. Als die erlösende Nachricht kam, musste es schnell gehen. Es war ein Freitagabend, 23.15 Uhr, als Sebastian in den Operationssaal der Heidelberger Uniklinik gebracht wurde - und mit der Stammzellentransplantation begonnen werden konnte. Für den an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Bensheimer ist diese Behandlung die letzte Chance auf Heilung. Monatelang hatten Familie und Freunde gehofft und gebangt, bis das fast Unmögliche doch möglich wurde. In der internationalen Typisierungsdatenbank fand sich ein "genetischer Zwilling", der für eine Knochenmarkspende zur Verfügung stand. Wie ein zweiter GeburtstagFür Sebastian ein absoluter Glückstreffer: Weltweit sind mehr als zehn Millionen Menschen registriert, doch für rund 20 Prozent der Patienten kann kein geeigneter Spender gefunden werden. "Der Tag der Transplantation ist jetzt wie ein zweiter Geburtstag", sagte sein Vater gestern bei einem Gespräch in der BA-Redaktion. Sebastian gehe es den Umständen entsprechend gut. Die Ärzte sind zufrieden mit ihm. Ob sein Körper die fremden Zellen annimmt, steht jedoch noch nicht fest. "Wir warten täglich, dass die Spender-Zellen aktiv werden", erklärt seine Mutter. Sebastian bekommt Medikamente, die die Abstoßung der transplantierten Zellen verhindern sollen. Bis jetzt gibt es keine weiteren Komplikationen. Der Schüler der Karl-Kübel-Schule ist in einem isolierten Zimmer untergebracht, das nur über Schleusen betreten werden kann und über eine Klimaanlage mit Luft versorgt wird. Unter keinen Umständen darf sein geschwächtes Immunsystem mit Erregern in Kontakt kommen. "Es ist für ihn natürlich schwer, die Leute draußen bei Sonnenschein spazieren gehen zu sehen - und er muss drinnen bleiben. Aber er hält tapfer durch", meint seine Mutter. Die Familie ist nach wie vor überwältigt von der Hilfe und Unterstützung, die sie und Sebastian während der vergangenen Wochen erhalten haben. Rund 1900 Blutspender ließen sich bei einer Aktion im Kolpinghaus typisieren, auf einer eigens eingerichteten Homepage gab es aufmunternde Wort und Zuspruch - und viele Menschen haben Anteil am Schicksal des 19-Jährigen genommen und sich engagiert. "Wir möchten uns bei allen bedanken, die sich an diesem Tag typisieren ließen oder sich in Form von Geld- oder Kuchenspenden beteiligt haben. Einen besonderen Dank möchten wir den zahlreichen jungen Menschen aussprechen. Das hat uns gut getan", so die Familie in einer Stellungnahme. Spender bleibt anonymDanken möchten sie auch dem Verein "B.L.u.T" und der Kolpingsfamilie mit Initiatorin Brigitte Schmidt, den Schirmherren Dekan Thomas Groß und Bürgermeister Thorsten Herrmann, Harry Hegenbarth und seinem Team sowie all den unzähligen Helfern, einschließlich der Ärzte, die ehrenamtlich im Einsatz waren. Den Eltern ist es zudem ein Anliegen, ihrer Tochter Tatjana zu danken, die sich während Sebastians Erkrankung um viele Angelegenheiten gekümmert hat. Übrigens: Wer die möglicherweise lebensrettende Spende abgegeben hat, wird vorerst ein Geheimnis bleiben. Erst in zwei Jahren kann die Familie in Erfahrung bringen, von wem die Stammzellen kamen - aber nur, wenn der Spender dies auch möchte.
Bergsträßer Anzeiger
Sebastian sucht seinen LebensretterTypisierungs-Aktion für 19-jährigen krebskranken Bensheimer am 21. Oktober im KolpinghausBensheim. Sebastian aus Bensheim ist 19 Jahre jung. Im vergangenen Jahr ist der Schüler an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Bislang waren alle Behandlungen erfolglos. Sebastians letzte Chance ist eine Stammzellentherapie. Jeder könnte sein Lebensretter sein: Ein paar Tropfen Blut genügen. Am 21. Oktober findet im Kolpinghaus von 10 und 17 Uhr eine Typisierungs-Aktion statt. Um möglichst viele Blutproben untersuchen und so die Chance auf einen geeigneten Stammzellenspender erhöhen zu können, ist Sebastian auf die geballte Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen. Es gleicht einer Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, doch je mehr Menschen sich freiwillig testen lassen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit auf einen Volltreffer. "Mit Sebastian hat die Krankheit ein Gesicht bekommen", sagt Volker Enderle vom Verein "B.L.u.T" (Bürger für Leukämie- und Tumorerkrankte), der sich seit 1996 auf die Suche nach Knochenmarkspendern macht. Enderle ist zuversichtlich, dass die Aktion auf ein breites gesellschaftliches Echo stoßen wird: In Bensheim ist eine Welle der Hilfsbereitschaft angerollt, wie er sie in dieser Form selten erlebt hat, so Enderle gestern im Rahmen eines Pressegesprächs. "Wir werden jeden typisieren, der am 21. ins Kolpinghaus kommt. Keiner wird nach Hause geschickt". Für Bürgermeister Thorsten Herrmann war rasch klar, dass die Stadt schnell reagieren muss. "Wir wollen nicht zuviel reden, sondern sofort handeln", erklärte er im Rathaus. Gemeinsam mit dem katholischen Pfarrer und Dekan Thomas Groß hat Herrmann die Schirmherrschaft der Aktion übernommen. Initiiert wurde die Hilfe von Brigitte Schmidt von der Bensheimer Kolpingfamilie, die mit Sebastians Familie befreundet ist. Über das Heidelberger Klinikum, in dem Sebastian behandelt wird, kam der Kontakt zum Verein "B.L.u.T." zustande, der von Weingarten (Landkreis Karlsruhe) aus überregional tätig ist. In den vergangenen zehn Jahren hat der Verein über 64.000 Knochenmarkspender gewinnen können. Seit 2002 wurden 186 Transplantationen ermöglicht - und ebenso viele Leben gerettet. Man kooperiert mit der deutschen Knochenmarkspenderzentrale in Ulm, wo rund drei Millionen Spender registriert sind. Weltweit sind es über 15 Millionen. Auf einen Patienten mit den entsprechenden Gewebemerkmalen kommen in der Regel 100 000 "Nieten", wie Vereinsmitglied Manfred Weiler mitteilt. Ohne finanzielle Unterstützung aus Privat- und Firmenspenden läuft gar nichts, daher braucht der Verein Geld zur Deckung der Laborkosten, die pro Spender 60 Euro betragen. In Bensheim wurden bereits zwei Sonderkonten eingerichtet (siehe Kasten). Darüber hinaus fließen schon die ersten Spenden aus den Reihen der Bürgerschaft. Helmut Richter und das Team von "Tour der Hoffnung" haben bereits 3600 Euro gesammelt. Die Kolpingfamilie bastelt an diversen Veranstaltungen, mit denen Geld für die Typisierung hereingeholt werden soll. Der Bensheimer Veranstaltungsprofi Harry Hegenbarth begleitet den Marketingauftritt der Aktion: 10 000 Handzettel und viele hundert Plakate werden schon bald überall zu sehen sein: Das schwarze Ausrufezeichen auf knallgelbem Grund ist ein Signal zur Solidarität, an dem keiner vorbeischauen kann. "Jeder soll von der Sache wissen", betont Hegenbarth. Auch Sebastians Vater und Schwester hoffen, dass es am 21. Oktober im Kolpinghaus eng wird. Für die Familie kam die Erkrankung des Sohnes aus heiterem Himmel - "genauso wie es jederzeit auch jeden anderen treffen könnte", fügt Volker Enderle hinzu. Ihm selbst hat eine Transplantation vor 20 Jahren das Leben gerettet. "Ich bin optimistisch, dass die Bensheimer alle Hebel in Bewegung setzen". tr Bergsträßer Anzeiger |